Den Menschen im Blick – Workshops, Schulungen und Beratung in Zusammenarbeit mit der LMU München

Bestimmung des Phänomens


1. Begriffsbestimmungen: Rassismus, Diskriminierung, rassistische Diskriminierung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten Rassismus und Diskriminierung zu definieren. So können Begriffsbestimmungen zur Diskriminierung beispielsweise von einer rechtlichen, einer sozialwissenschaftlichen oder einer psychologischen Perspektive geprägt sein. Damit können sie jeweils nur Teilaspekte eines vielschichtigen Phänomens erfassen. Diskriminierung knapp, klar oder gar abschließend zu definieren ist schwierig, weil sie sich in einem weiten, sich verändernden Spannungsfeld von Benachteiligung, Vorurteilen Privilegien, individueller Sensibilität und gesellschaftlicher Changen(un)gleichheit bewegt.

In Deutschland tun sich Einige z.T. noch schwer, das Phänomen „Rassismus“ und „Diskriminierung“ beim Namen zu nennen. Gegenmaßnahmen werden kaum oder erst langsam als wichtige Verbesserung für die individuelle, institutionelle und gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit geschätzt. Das hat häufig mit einer reflexhaften Abwehrhaltung zu tun, die eine rationale und nüchterne Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen der Benachteiligung verhindern. Die Abwehr resultiert – insbesondere bei älteren Generationen – oft aus einem In-Beziehung-Setzen der Begriffe mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, was die Thematik stark verkürzt. Zudem wird Diskriminierung häufig auf „absichtliches“ Verhalten beschränkt, während die Befassung mit Diskriminierung als unintendiertem Verhalten nicht bedacht wird.

Kompetenzbildung durch perspektivenreiche Auseinandersetzung und Diskussion

Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Begriffsbestimmungen und die Diskussion um Benachteiligungserfahrungen, Vorurteile und gesellschaftliche Chancen(un)gleicheit kann als Ausgangspunkt für die Kompetenzbildung genutzt werden. Eine solche perspektivenreiche Auseinandersetzung und die inhaltliche Diskussion über wahrgenommene Diskriminierung sind grundlegend für die Entwicklung eines eigenen Verständnisses und für ein professionelles Verhalten von Institutionen.


  • Rassismus

    +

    Es gibt heute in Deutschland einen breiten Konsens gegen alte, biologistische Rassismus-Konzepte, die Menschen nach unterschiedlichen „Rassen“ hierarchisieren und diesen bestimmte, angeborene Fähigkeiten, Physiognomien etc. zuschreiben (alter Rassismus). Lediglich Neonazis halten komplett an solchen alten Konzepten fest. Statt von „Rassen“ reden Rassisten der Gegenwart zumeist von unterschiedlichen oder unvereinbaren Ethnien und Kulturen (neuer Rassismus). So hat sich nicht die grundlegende Ideologie, sondern vor allem die Wortwahl verändert.

    Rassismus liegt auf der Einstellungsebene. Rassismus ist nicht eine bloße persönliche oder politische Einstellung, stattdessen handelt es sich um einen gesellschaftlichen Wissensbestand (vgl. Terkessidis 2004), bzw. ein System aus Debatten und Praxen (vgl. Rommelspacher 2009), an das der Einzelne anknüpfen kann. So kann Rassismus bestimmte Verhaltensweisen motivieren, muss es aber nicht.

    ... aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kann Diskriminierung als „eine Benachteiligung von Menschen in Bezug auf Teilhabe-, Handlungs- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten verstanden werden, die gesellschaftlichen Grundsätzen von Gleichheit und Gerechtigkeit zuwiderläuft. Bei Diskriminierung geht es nicht alleine um individuelles Verhalten, stattdessen hat sie stets einen gesellschaftlichen Kontext: Es handelt sich um die Benachteiligung von Menschen, die als Mitglied einer Gruppe wahrgenommen werden, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen und keinen privilegierten Teil der Bevölkerung darstellen. Negative Zuschreibungen und diskriminierendes Verhalten ermöglichen Einzelnen und (konstruierten) Gruppen eine ungerechtfertigte Machtposition einzunehmen" (Projekt „Den Menschen im Blick“ / Fachbeirat 2017).

    ... aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive kann hinzugefügt werden, dass „rassistische Muster sich aus historisch eingeschriebenen Ungleichheitszuschreibungen speisen (u.a. Kolonialismus), die bis heute individuelle Wahrnehmungen und (für Sozialwissenschaftler interessant) gesellschaftliche Regelungen und Routinen prägen und zu spezifischen Machterfahrungen führen“ (Projekt „Den Menschen im Blick“ / Fachbeirat 2017).

    ... eine (sozio-)psychologische Perspektive betont, dass „Rassismus den Selbstwert von Menschen prägt. Positiv kategorisierte Mitglieder der Gesellschaft können sich damit als (gegenüber anderen) berechtigt privilegiert (internalisierte Privilegien) fühlen. Negativ kategorisierte Mitglieder der Gesellschaft können die negativen Zuschreibungen übernehmen und sich als minderwertig (internalisierte Unterdrückung) wahrnehmen. Dieses Phänomen wird internalisierter Rassismus genannt“ (Projekt „Den Menschen im Blick“ / Fachbeirat 2017).

  • Diskriminierung

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    Diskriminierung ist nicht auf der Einstellungsebene angesiedelt, sondern ein illegitimes Verhalten. Der Diskriminierungsbegriff ist konkret fassbar und handlungsbezogen und damit für die Praxis besonders brauchbar. Zudem hat er eine rechtliche Dimension. Mit ihm geht es – anders als beim Rassismus, der auf der Einstellungsebene liegt – um Ungleichheitsbehandlung, also um Verhalten, das in unserer Gesellschaft illegitim ist und auf das reagiert werden muss.

    ... aus rechtlicher Perspektive ist Diskriminierung eine illegitime Ungleichbehandlung oder Herabwürdigung wegen eines (zugeschriebenen) wesentlichen, nicht oder nur schwer aufgebbaren, Identitätsmerkmals der betreffenden Person.

    Diejenigen, die diskriminieren richten sich gegen die gleichberechtigte Ausübung fundamentaler Freiheiten im öffentlichen Raum. Sie verstoßen gegen internationale Regelungen und nationales Recht.

    Anmerkung: Im Rahmen unseres pädagogischen Konzepts legen wir die für die Bundesrepublik Deutschland verbindlichen Normativen Grundlagen zu Gleichbehandlung und Diskriminierungsschutz ausführlich dar.

    Beispiel

    Mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist Diskriminierung aufgrund der Merkmale Geschlecht, Lebensalter, rassistische Zuschreibung und ethnische Herkunft, Behinderung, sexuelle Identität sowie Religion und Weltanschauung verboten (AGG §1). Erfasst werden unmittelbare und mittelbare Diskriminierung sowie belästigendes Verhalten (z.B. Beschimpfungen) und sexuelle Belästigung (AGG §3):

    (1) Eine unmittelbare Benachteiligung liegt vor, wenn eine Person wegen eines in §1 genannten Grundes eine weniger günstige Behandlung erfährt, als eine andere Person in einer vergleichbaren Situation erfährt, erfahren hat oder erfahren würde (...).

    (2) Eine mittelbare Benachteiligung liegt vor, wenn dem Anschein nach neutrale Vorschriften, Kriterien oder Verfahren (...) Personen wegen eines in §1 genannten Grundes gegenüber anderen Personen in besonderer Weise Benachteiligungen können (...).

    (3) Eine Belästigung ist eine Benachteiligung, wenn unerwünschte Verhaltensweisen, die mit einem in §1 genannten Grund in Zusammenhang stehen, bezwecken oder bewirken, dass die Würde der betreffenden Person verletzt und ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.

    ... aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive kann Diskriminierung als „eine Benachteiligung von Menschen in Bezug auf Teilhabe-, Handlungs- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten verstanden werden, die gesellschaftlichen Grundsätzen von Gleichheit und Gerechtigkeit zuwiderläuft. Bei Diskriminierung geht es nicht alleine um individuelles Verhalten, stattdessen hat sie stets einen gesellschaftlichen Kontext: Es handelt sich um die Benachteiligung von Menschen, die als Mitglied einer Gruppe wahrgenommen werden, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen und keinen privilegierten Teil der Bevölkerung darstellen. Bestimmte negative Zuschreibungen ihnen gegenüber (z.B. rassistisch, sexistisch) sollen das eigene diskriminierende und ausgrenzende Verhalten rechtfertigen. Zudem ermöglichen sie Einzelnen und (konstruierten) Gruppen eine ungerechtfertigte Machtposition einzunehmen“ (Projekt „Den Menschen im Blick“ / Fachbeirat 2017).

  • Rassistische Diskriminierung

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    Rassistische Diskriminierung ist eine spezielle Form der Diskriminierung. Betroffen sind Menschen, denen abwertende Zuschreibungen bezüglich Herkunft, Hautfarbe, Sprache oder Religion widerfährt.

    ... aus rechtlicher Perspektive ist rassistische Diskriminierung eine illegitime Ungleichbehandlung oder Herabwürdigung einer Person entlang abwertender Zuschreibungen bezüglich Herkunft, Hautfarbe, Sprache oder Religion.

    Diejenigen, die rassistisch diskriminieren richten sich gegen die gleichberechtigte Ausübung fundamentaler Freiheiten im öffentlichen Raum. Sie verstoßen gegen internationale Regelungen und nationales Recht.

    Beispiel

    Mit dem Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung (ICERD) ist rassistische Diskriminierung „ (...) jede auf (*Zuschreibungen wie, eingefügt durch Autorin) der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird" (Art. 1).

    ... aus sozialwissenschaftlicher Perspektive spricht man von „rassistischer Diskriminierung", „wenn Menschen entlang sozio-politischen Konstruktionen wie Herkunft, Hautfarbe, Sprache oder Religion herabgesetzt oder benachteiligt werden.

    Rassistischen Diskriminierungen liegen komplexe gesellschaftliche Beziehungen und Verhältnisse zugrunde, die zu Benachteiligungen auf unterschiedlichen Ebenen führen. Es gibt individuelle, institutionelle, diskursive und strukturelle Formen der rassistischen Diskriminierung. Sie greifen ineinander und interagieren miteinander" (Projekt „Den Menschen im Blick"/Fachbeirat 2017).

  • Die Geschichte des Rassismus – eine Geschichte der „Rassen“-Konstruktion

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    Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Menschenrassen. Allerdings existiert Rassismus als Denkstruktur und Handlungsmuster.

    Zur Zeit des Kolonialismus erfanden weiße Europäer die Fiktion weißer Überlegenheit, um Versklavung, Ausbeutung und Verschleppung zu rechtfertigen. Aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe sollten Menschen in Afrika unterlegen und minderwertig sein. Später gewannen Vorstellungen von „Rassenhygiene" politisch an Bedeutung. Mit dem pseudowissenschaftlichen Konstrukt „Rasse" wurden Menschen nach körperlichen Merkmalen wie Hautfarbe und Physiognomie unterteilt, diese Merkmale wurden mit sozialen und kulturellen Mustern kombiniert, um schließlich Menschen unterschiedlich wertigen Gruppen zuzuordnen. Mit den „pseudowissenschaftlichen" Ansätzen wandelten sich auch die Begründungen für die Diffamierung der „Anderen", für ihren sozialen Ausschluss, für Gewalttätigkeit ihnen gegenüber bis hin zur Vernichtung - besonders technisch elaboriert wurden die „Rassentheorien" im Holocaust durch die systematische Ermordung der von den Nationalsozialisten als minderwertig klassifizierten Menschen umgesetzt.

    Das Konzept der Rasse ist wissenschaftlich widerlegt – dennoch existiert es als Konstrukt in Handlungen und Köpfen der Menschen weiter. Rassismus ist ein vereinfachtes Denken, es fällt leicht, andere aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Merkmale zu kategorisieren und auszugrenzen, anstatt sich näher mit dem einzelnen Menschen und seiner Besonderheit oder aber auch mit komplexen sozialen Problemlagen zu beschäftigen. Merkmale werden mit Wesenszügen, mit Charakteristika verknüpft. Noch heute haben Menschen in Deutschland aufgrund ihres Aussehens, ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens, ihrer Herkunft u.v.m. mit Benachteiligung und Vorurteilen zu kämpfen.

    Alltagsrassismus, der auf entsprechenden Kategorisierungen und Vorurteilen fußt, muss nicht böse oder abwertend gemeint sein. Etwa Äußerungen wie „Asiatische Schüler*innen sind immer so fleißig“ oder „Du sprichst aber gut Deutsch“ können Deutsche mit ausländischen Familienbiographien verletzten. Deswegen finden viele Betroffene, dass es wichtig ist, entsprechende Denkmuster und Äußerungen sowie deren scheinbare Normalität kritisch zu reflektieren. Die Themen „Zugehörigkeit“ und „Ab-“ bzw. „Ausgrenzung“ stehe im Raum. Rassismuskritik und Antidiskriminierung sind unverzichtbar für eine plurale, heterogene Migrationsgesellschaft (vgl. Nguyen 2014).

    Die deutsche Gesellschaft ist in der Tat vielfältig: Laut einer Erhebung des Mikrozensus aus dem Jahr 2016 haben 22,5% der deutschen Bevölkerung einen „Migrationshintergrund", davon haben 11,7% die deutsche und 10,9% eine ausländische Staatsbürgerschaft (Hanewinkel/Oltmer 2017).


2. Wer ist von Rassismus und Diskriminierung betroffen  – und wer nicht?

Von Rassismus und Diskriminierung betroffen

Menschen die von Rassismus (abwertende Einstellung) betroffen sind, können auch von rassistischer Diskriminierung (illegitime, abwertende Handlung) betroffen sein.

In Deutschland werden aktuell zur Gruppe der von Rassismus und rassistischer Diskriminierung Betroffenen aufgrund bestimmter rassistischer Traditionen insbesondere Schwarze Menschen, asiatische Menschen, Sinti und Roma, jüdische Menschen, muslimische Menschen und (andere) People of Color gezählt (vgl. Diakonie u.a., CERD-Parallelbericht 2015).

Kommentar

Diejenigen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, können nicht abschließend durch eine Auflistung bestimmt werden. Denn die Betroffenengruppen von Rassismus und Diskriminierung können sich im Lauf der Zeit ändern, so können neue Betroffenengruppen entstehen. Zudem können tatsächlich Betroffene auch erst in der Gegenwart bzw. Zukunft ins öffentliche Bewusstsein rücken. Daher ist es ratsam, entsprechende Auflistungen „offen" zu halten, etwa indem Adverbien wie „insbesondere" oder „beispielsweise" vorangestellt werden.

Jüngere Einstellungsuntersuchungen zeigen, dass aktuell besonders stark Sinti und Roma, Muslime/a und Flüchtlinge von abwertenden Einstellungen betroffen sind (vgl. Zick et al/FES 2016, Decker et al2016).

Diskriminierung muss keine rassistische Stoßrichtung haben. Von Diskriminierung sind auch Menschen mit Behinderung, Obdachlose und LGTBIQ-Menschen betroffen (vgl. Schellenberg/Lang in: DIMR/OSZE 2016). Mit dem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) haben Forscher ein Zusammenhang zwischen verschiedenen gruppenbezogenen Ungleichheitsvorstellungen belegt: Menschen, die Jüdinnen abwerten, werten mit höherer Wahrscheinlichkeit auch Frauen oder Homosexuelle ab. Die Forscher markieren u.a. auch den klassischen Sexismus und Abwertungen bezogen auf den sozialen Status von Menschen, etwa von Langzeitarbeitslosen, als charakteristische Dimensionen der GMF (Heitmeyer 2002ff.).

Zu den Erkenntnissen der Studien zur Intersektionalität gehört, dass Mehrfachdiskriminierungen (z.B. Rassismus und gleichzeitig Sexismus) verstärkende Effekte auf die Intensität der Diskriminierung von Betroffenen haben (vgl. LESMIGRAS 2015, CERD-Parallelbericht).


  • Asiatische Menschen

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    Eine junge Japanerin hat es schwer, eine Stelle bei einem Orchester zu bekommen, während ihr deutscher Kollege deutlich mehr Einladungen zum Vorspielen erhält. Obwohl der Anteil der Student*innen mit asiatischer Familienbiographie in Orchestermusiker-Studiengängen sehr hoch ist, schaffen es nur wenige in ein deutsches Orchester aufgenommen zu werden (vgl. Wiegelmann 2009). Die jungen Studentinnen leiden bei der Nutzung sozialer Netzwerken oft unter dem „Yellow Fever“: Sie müssen sich sexuelle Klischees und Anmachen vom Männern gefallen lassen, die eine genaue Vorstellung von „der asiatischen Frau“ haben und ihre Vorurteile auf Frauen in sozialen Netzwerken übertragen (vgl. Le 2017). Laut Kulturwissenschaftler Kein Nghi Ha gelten Asiaten in Deutschland als „sehr fleißig und unauffällig“, wie „Musterschüler, die keine Probleme haben und auch keine machen“ (Dapp 2014). Mit der Zuschreibung des asiatischen Aussehens könne man bei einem so großen Kontinent auch nicht alle dort lebenden Menschen kategorisieren. Der Kulturwissenschaftler glaubt, dass asiatische Menschen in Deutschland als diskriminierte Gruppe weniger im Fokus der Öffentlichkeit stehen, da die „asiatische Community“ schlechter vernetzt sei als andere Gruppen (vgl. ebd.). Die ersten Arbeitskräfte aus Ost- und Südostasien migrierten ab 1960 nach Deutschland, zunächst wurden viele Südkoreaner als Bergleute, dann Krankenschwestern- und –pfleger aus Südkorea und den Philippinen eingestellt. Nach dem Ende des Vietnamkrieges kamen circa 23.000 Flüchtlinge als „boat people“ nach Deutschland. Mit der Aufhebung des Auswanderungsverbotes stieg der Anteil der chinesischen Migrant*innen, die als Arbeitskräfte oder zum Studieren in die Bundesrepublik gereist sind (vgl. Kreienbrink/Mayer 2014).

    Weiterführende Literatur

    Kreienbrink, Axel; Mayer, Matthias M.: „Einführung: Migration aus Ost- und Südostasien", in: Kreienbrink, Axel: „Fachkräftemigration aus Asien nach Europa und Deutschland – Beiträge zur Migration und Integration, Band 5", Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2014.

  • Juden und Jüdinnen

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    Antisemitismus bedeutet laut Benz „die Gesamtheit judenfeindlicher Äußerungen, Tendenzen, Ressentiments, Haltungen und Handlungen unabhängig von ihren religiösen, rassistischen, sozialen und sonstigen Motiven“ (vgl. Benz 2015). Dazu zählen natürlich Gewaltakte gegen Jüdinnen und Juden, Vandalismus gegen jüdische Friedhöfe und Synagogen aber auch Diskriminierung in Form von Beleidigung, Leugnung des Holocausts oder unangemessene Beschuldigungen des Staates Israel, zu denen man als „sekundären Antisemitismus“ referiert. Ziel des Antisemitismus ist es, Ju/üd*innen an vielen historischen Ereignissen die Schuld zu geben, als „einfache Erklärung für schwierige Zusammenhänge“. Charakteristisch für den Antisemitismus sind Verschwörungstheorien, auch der Vorwurf einer „jüdischen Weltverschwörung“ (vgl. Amadeu-Antonio-Stiftung o.D.). Aus antisemitischer Überzeugung heraus wurden mit dem Holocaust durch den Nationalsozialismus ca. 160.00 - 180.000 deutsche und 6.000.000 europäische Juden ermordet. Die Geschichte der Anschuldigungen und gewalttätigen Ausschreitungen gegen Jüdinnen reicht weit zurück. Zunächst als oft religiös begründeten Judenhass im Mittelalter. Weil man sie beschuldigte, den Ausbruch der Pest 1348-50 hervorgerufen zu haben, wurden jüdische Gemeinden zerstört und viele Juden flohen (vgl. Human Rights First 2017 / Painter, Schellenberg, Wahl). Im 19. Jahrhundert wurde der Antisemitismus dann politisch begründet: Juden wurde während der Hep-Hep-Unruhen 1819 und währen des Radauantisemitismus um 1881 Gewalt angetan (vgl. Botsch 2014). Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus sollten Jüdinnen und Juden sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wieder eine Heimat finden: Nachdem der Zentralrat der Juden 1950 ins Leben gerufen wurde und Helmut Kohl die Immigration von Juden nach dem Kalten Krieg erleichterte, kamen zwischen 1990 und 2005 rund 220.000 Juden in die Bundesrepublik Deutschland. Heute leben geschätzt 250.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland (vgl. Human Rights First 2017 / Painter, Schellenberg, Wahl). Diese haben immer noch mit Antisemitismus zu kämpfen. Doch Jüdische Kultur ist ein Teil von Deutschland. Laut dem „Mediendienst Integration“ sind in Deutschland rund 99 000 Juden in ihren Gemeinden organisiert. Autorin Mirna Funk hat für einen „Zeit“-Artikel mit Kulturschaffenden Juden in Deutschland gesprochen, denn „Der Text will zeigen, dass Hitler nicht gewonnen hat. Dass es uns gibt, uns Kulturjuden, die Deutschland angeblich so vermisst“ (vgl. Funk 2016). Die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Interessen junger jüdischer Erwachsener zu vertreten. Auch die Bekämpfung von Diskriminierung, Dialog mit anderen Glaubensrichtungen und Information von Nicht-Juden steht auf ihrem Programm (vgl. Zentralrat der Juden in Deutschland o.D.).

    Ju:an, die Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet individuelle Beratung, Team-Coachings, Fachveranstaltung und einiges mehr an.

    Zentralrat der Juden in Deutschland

    Weiterführende Literatur

    Benz, Wolfgang: „Antisemitismus: Präsenz und Tradition eines Ressentiments". Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2015

    Mediendienst Integration: „Judentum"

  • Muslime/a

    +

    Die ersten Muslime kamen im 17. und 18. Jahrhundert als Kriegsgefangene nach der Niederlage des Osmanischen Reiches in der Schlacht von Wien 1683 sowie nach dem Russisch-Türkischen-Krieg 1735-39 nach Deutschland. Viel später, zu Zeiten des Wirtschaftswunders schloss in der Bundesrepublik Deutschland wurden Anwerbeabkommen mit Ländern wie Italien, Griechenland, Spanien, der Türkei, Marokko, Tunesien und Jugoslawien geschlossen. Aufgrund besserer Zukunftsperspektiven, Arbeits- und Lebensbedingungen kamen viele Muslime als „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Aufgrund der stabilen wirtschaftlichen Lage in Deutschland zogen viele Familien nach, andere Gastarbeiter verliebten sich und entschieden sich, zu bleiben (vgl. Hanewinkel/Oltmer 2017). Viele muslimische Gemeinden blieben aufgrund von Sprachproblemen isoliert. Seit einigen Jahren gibt es noch mehr Barrieren, die das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland beeinträchtigen können: Die junge Muslima Eda kritisiert, dass die Medien den IS zum Aushängeschild des Islam machen: „Das ist schlimm, insbesondere für uns Moslems“ (vgl. Fecht 2016). Man solle bloß nicht den Kopf einziehen, um nicht als Migrant*in erkannt zu werden, sagt Meryem Altuntas. Sie selbst lebe beide Seiten aus, ihre deutsche und türkische (vgl. Anne Goebel/SZ 2010). Heute gibt es für junge Muslime/a und Nicht-Muslime/a die Möglichkeit mehr über den Islam zu erfahren: Islamische Theologie wird an einigen Universitäten in Deutschland, z.B. in Münster, Gießen und Erlangen-Nürnberg, gelehrt. Deutsche Muslima/e werden durch den Koordinationsrat der Muslime (KRM) vertreten, welcher aus vier Dachverbänden besteht (vgl. Mediendienst Integration o.D.). Die Stiftung Mercator möchte eine Studie zu Islamfeindlichkeit unter Jugendlichen entwickeln, um Projekte dagegen zu entwickeln und „damit das Integrationsklima zu verbessern und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken“. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der Universitäten Duisburg-Essen und Bielefeld (vgl. Stiftung Mercator o.D.). „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“ stellt das Projekt Islam und Ich – Jung sein im Land der Vielfalt vor. Dazu gehören ein Handbuch für Pädagogen, darstellende Spiele und Fachtagungen.

    Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM)

    Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD)

  • Neue Deutsche und People of Color (PoC)

    +

    Neue Deutsche ist eine mögliche Bezeichnung für deutsche Staatsbürger*innen mit Migrationshintergrund. Damit wird ausgedrückt, dass sie sich als Teil der Gesellschaft verstehen (Neue Deutsche Organisationen) und verstanden werden wollen. Problematisch kann bei dem Begriff die Abgrenzung sein, die sich dadurch sprachlich von den „alten Deutschen“ ergibt (vgl. Foroutan 2010). Den Neuen Deutschen Organisationen gehören nach eigener Aussage unter anderem People of Color, Schwarze Deutsche, Roma, Personen verschiedener Glaubensrichtungen, Nachkommen von Arbeitsmigrant*innen und Geflüchtete an (Neue Deutsche Organisationen).

    Eine andere Selbstbezeichnung kann People of Color sein. Es handelt sich um einen „Begriff für Menschen, die in der Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß angesehen werden und sich wegen ethnischer und/oder rassistischer Zuschreibungen alltäglichen, und anderen Formen des Rassismus ausgesetzt fühlen“ (vgl. Mut Gegen Rechte Gewalt o.D.). Der Ausdruck wird in Deutschland im politischen und akademischen Umfeld gebraucht (vgl. Der Braune Mob o.D.). Oft wird der Begriff als Alternative zum als ab- und ausgrenzend verstandenen Wort Migrant*in genutzt.

    Neue Deutsche Organisationen (NDO)

  • Schwarze Menschen

    +

    Fremde Menschen fassen unerlaubt in die Haare, Polizisten kontrollieren ohne Verdacht: der Mitarbeiter in einem Ministerium bleibt bei diesen oder ähnlichen Vorfällen im Beruf höflich, denn Verhalten, welches aus der Reihe fällt, könnte sofort auf andere schwarze Menschen zurückfallen (vgl. Jacobs 2018). Katharina Oguntoye weist auf einen Mangel an Dokumenten oder Literatur über das Leben schwarzer Menschen in Deutschland hin. In ihrer Abschlussarbeit an der Uni befasst sie sich mit der Zeit zwischen 1884 und dem Ende des zweiten Weltkrieges: Als 1884 Deutschland auf der Kongo-Konferenz afrikanische Kolonien erhielt, wurden bald einheimische Fachkräfte benötigt. Junge Afrikaner wurden in Deutschland als Handwerker und Missionslehrer ausgebildet oder arbeiteten als Köche, Sprachgehilfen oder Stewards. Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg und dem Verlust der deutschen Kolonien sollten die in Deutschland lebenden Afrikaner Bürger der neuen Mandatsländer werden, wogegen sich aber viele von ihnen politisch engagierten. Während des Nationalsozialismus wurden viele schwarze Menschen staatenlos, unterlagen der Meldepflicht oder fanden nur schwer Arbeit. Bei einer Partnerschaft mit Deutschen drohten Zwangssterilisation oder Deportation (vgl. Oguntoye 2004).

    Oft herrscht in Deutschland Verwirrung über die Bezeichnung der Gruppe: Der Begriff „Schwarzer Mensch“ ist eine etablierte Selbstbezeichnung (vgl. Arndt 2004) und wird unter anderem von der „Initiative Schwarze Deutsche“ verwendet. Andere Worte, insbesondere das „N-Wort“ wird als sehr verletzend empfunden: Grada Kilomba bezeichnet es als „weißes Konzept“. Es wurde zu Zeit der Kolonialisierung als Überbegriff aller südlich der Sahara lebenden Afrikaner*innen benutzt. Für viele Schwarze Menschen gilt dies als Trauma (vgl. Kilomba 2009). Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. vertritt die Interessen Schwarzer Menschen, fördert Schwarze Projekte und wendet sich unter anderem gegen „Racial Profiling“.

    Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. (ISD)

  • Sinti und Roma

    +

    Die Geschichte der Sinti und Roma ist die einer Jahrhunderte langen Flucht: Aus Furcht vor der türkischen Armee und als Reaktion auf die Versklavung in Osteuropa flohen Roma Mitte des 14. Jahrhunderts nach Mitteleuropa (vgl. Verband Deutscher Sinti und Roma e.V. 2017). Viele Roma und Sinti kamen aus dem Nordwesten von Indien und Pakistan (vgl. Human Rights First 2017 / Painter, Schellenberg, Wahl). Die europäischen Herrscher verboten ihnen, sich niederzulassen oder Handwerksberufe auszuüben – in der Bevölkerung wurden sie oft gerade deswegen, aufgrund ihrer „nomadisierten“ Lebensweise, abgelehnt. Im 18. Jahrhundert führte Kaiserin Maria-Theresia von Österreich die „Zigeunerpolitik“ ein, die es Sinti und Roma zwar erlaubte, sesshaft zu werden, ihnen jedoch ihre Sprache und Kultur verbot und ihre Kinder zur Adoption freigab (vgl. Verband Deutscher Sinti und Roma e.V. Landesverband Schleswig-Holstein 2017). Trotz der Deportationen und der Ermordung während des Nationalsozialismus (vgl. Human rights first / Painter, Schellenberg, Wahl 2017), wurde erst 1982 der Holocaust (auf Romanes Porajmos, „Verschlingen“) an Sinti und Roma offiziell anerkannt (vgl. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma o.D.). Im Jahr 1995 wurden die deutschen Sinti und Roma als nationale Minderheit, verbunden mit dem Ziel der gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben, in Deutschland anerkannt (vgl. Zentralrat Deutscher Sinti und Roma o.D.). Der Begriff „nationale Minderheit“ bedeutet, dass man versucht die Kultur und Sprache der deutschen Sinti und Roma zu erhalten (vgl. Mediendienst Integration o.D.). Noch heute sehen sich in Deutschland lebende Familien immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. So werden sie als „Fremde“ und „Zigeuner“ bezeichnet und benachteiligt. Sowohl bei der Wohnungssuche als auch bei der Bewerbung um einen Job gibt es oft Probleme. Auch Filme und Literatur reproduzieren bis heute noch Vorteile über Roma, indem unreflektiert Stereotype dargestellt werden (vgl. End 2017). Dabei sind Sinti und Roma alteingesessene Deutsche. Laut dem Verband Deutscher Sinti und Roma e.V. wurden sie das erste Mal 1407 urkundlich in der Bischofsstadt Hildesheim erwähnt. Der Verband Deutscher Sinti und Roma e.V. schätzt, dass ca. 70.000 Angehörige der „nationalen Minderheit“ in Deutschland leben. Zudem kommen seit einigen Jahren Roma als Flüchtlinge aus den Ländern des westlichen Balkans (vgl. Human Rights First 2017 / Painter, Schellenberg, Wahl). Nicht zuletzt wegen „nicht aufgearbeiteter Traumata“ bleiben viele Sinti und Roma häufig unter sich (vgl. Kagermeier 2016). Eine junge, in München lebende Sinteza möchte jedoch, dass sich das für ihren Sohn ändert: „Sie sollen nicht nur mit ihren Cousinen und Cousins aufwachsen, sondern von klein auf auch andere Kulturen kennenlernen – und sie ihre“ (ebd.). Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma leistet Erinnerungsarbeit an die zur Zeit des Nationalsozialismus Ermordeten: Im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma kann eine Dauerausstellung besucht werden und ein Denkmal 2012 in Berlin eingeweiht (vgl. Zentralrat Deutscher Sinti und Roma o.D.). Unter anderem wohnen Mitglieder des Zentralrates auch nationalen und internationalen Gremien bei, um Minderheitenrechte zu stärken. Auch das Projekt RomaRespekt der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen unterstützt die Selbstorganisation von Sinti und Roma und wendet sich gegen Antiromanismus. Dazu wird zum Beispiel ein „RomaRespekt“-Radio zu empfangen sein und Workshops können besucht werden.

    Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

  • Frauen

    +

    Nach Jahrhunderten der Bevormundung erhielten Frauen mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) im Jahr 1865 eine gesellschaftliche Stimme (vgl. Wolff 2008). Obwohl ihnen ab 1908 erlaubt war, politischen Parteien beizutreten, erhielten sie erst zehn Jahre später aktives und passives Wahlrecht. In der Weimarer Republik wurde unter anderem die Zulassung von Frauen als Rechtsanwältinnen und Richterinnen 1922 sowie Mindestlöhne und Sozialversicherung von Heimarbeiterinnen 1924 erreicht (ebd.) Als „größter frauenpolitischer Sieg der Nachkriegszeit" wird die Verankerung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland angesehen (vgl. Schüler 2008).

    Zwar hat die Frauenbewegung in Deutschland vieles erreicht, aber es gibt trotzdem weiterhin ungelöste Aufgaben: die gleiche Bezahlung von Frau und Mann im Beruf oder die geringe Zahl von Frauen in Führungspositionen (vgl. Sanyal 2008). Mit dem Aufkommen der #metoo Debatte rückte noch ein weiteres Thema in den Fokus: Sexuelle Belästigung. Millionen Frauen solidarisieren sich mit Schauspielerinnen, die von Hollywood Regisseuren unrechtmäßig angefasst oder behandelt wurde. Zu den ersten Reaktionen auf Belästigungs-Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel in Deutschland zählten auch Beschuldigungen gegen die Frauen, die ihre Stimme erhoben - man bezichtigte sie der Lüge (vgl. Gaschke 2018). Das zeigt, dass auch dieses Problem lang nicht gelöst ist. Denn erschreckend ist, dass meist viele Personen von den Übergriffen wussten, und nicht handelten. Heute wird diskutiert, wo ein Flirt aufhört und Belästigung beginnt. Die Kampagne Women not objects will ein Ende der Objektisierung von Frauen in der Werbung erreichen, auf unrealistische Frauen-Idealbilder aufmerksam machen und Marken unterstützen, die Frauen empowern.

    Deutscher Frauenrat

    Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU)

  • LGTBQI

    +

    Homosexualität ruft Pest, Hungersnöte und Erdbeben hervor – das glaubte Kaiser Justitian, als er gleichgeschlechtliche Beziehungen im Jahr 538 verbot. Im 19. Jahrhundert begann man fälschlicherweise zu glauben, es handele sich um eine Geisteskrankheit, welche man mit Therapien, Elektroschocks oder gar Hirnoperationen heilen kann (vgl. Sigusch 2010). Zu Zeiten des Nationalsozialismus wurden geschätzt 50.000 Männer inhaftiert und 15.000 in Konzentrationslager gebracht, viele wurden ermordet. Es dauerte bis zum Jahr 2002 bis ihnen zugestanden wurde, verfolgt worden zu sein (vgl. BpB 2014). Homosexualität wurde in Deutschland erst 1994 vollständig als Straftat abgeschafft, zuvor mussten sich Schwule und Lesben verstecken. Bekannte Zeitschriften wie „Der Weg zur Freundschaft und Toleranz“ aus Hamburg oder „Der Kreis“ aus Zürich erfreuten sich über längere Zeit großer Beliebtheit. Infolge der starken Repression im Westen um 1960 wurden viele von ihnen verboten (vgl. Gammerl 2010). Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet die Schwulen- und Lesbenbewegung heute als „Lehrstück sexueller Emanzipation“ (vgl. Sigusch 2010). Auch die ersten Christopher-Street-Days in Berlin und Bremen im Jahr 1979 bestärkten die Bewegung (vgl. Gammerl 2010). Heute kann man sich als homosexuelles Paar in Deutschland auf der Straße zeigen, ohne eine Verhaftung fürchten zu müssen. Jedoch ist Homophobie noch nicht aus den Köpfen aller Deutscher verschwunden: noch immer gibt es Gewaltakte gegen Homosexuelle, „schwul“ wird auf dem Schulhof als Schimpfwort benutzt und anhaltende Vorurteile belasten die Outings vieler junger Menschen. Simon zum Beispiel musste als Reaktion auf das Unverständnis seiner Eltern sein Freizeitverhalten ändern und Fußballspiele absagen. Es stellte sich heraus, dass der oberste Schiedsrichter auch homosexuell war und großes Verständnis zeigte. Gregor wurde nach seinem Outing zu einem beliebten Mitschüler - gegen die wenigen Mobber unterstützte ihn die Schulleitung (vgl. Hummel 2015). Der Lesben- und Schwulenverband Berlin Brandenburg LSVD setzt sich in vielen Bereichen gegen Homophobie ein: Es werden Aufklärungsworkshops und Freizeitangebote für LSBT* Familien angeboten, Aktionen gegen Diskriminierung im Sport gestaltet und Erinnerungskultur betrieben. Für eine Schule ohne Homophobie setzt sich das Projekt Schule der Vielfalt ein, indem es unter anderem Materialien für den Unterricht bereitstellt.

    Lesben- und Schwulenverband (LSVD)

    Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (DGTI)

  • Körperlich behinderte Menschen

    +

    Im 19. Jahrhundert galten Menschen mit Behinderung als ein „soziales Problem“. Man versuchte Therapie und Prävention, um diese Menschen vollständig an das Idealbild der Gesellschaft anzupassen. Vor den 1. Weltkrieg wurde die gesetzliche Unfallversicherung ins Leben gerufen und sog. „Krüppelfürsorge“ kümmerte sich um die dauerhafte Pflege und Erziehung von betroffenen Kindern und Jugendlichen. Zwar wurde sich um Menschen mit Behinderung gekümmert, als gleichgestellt galten sie aber noch lange nicht: Ihnen wurde nicht zugestanden, ein erfülltes, glückliches Leben zu führen. Die sozialliberale Bundesregierung 1969 machte es sich schließlich zur Aufgabe mit einem Reformpaket zum Rehabilitationsangleichungsgesetz Chancengleichheit herstellen zu wollen. In den 1970er Jahren organisierten sich Menschen mit Behinderung und riefen dazu auf, „sich aus dem Opferstatus zu befreien“ (vgl. Bösl 2010).

    Obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention heute vorschreibt, dass betroffene Kindern nicht an Sonderschulen, sondern an Regelschulen unterrichtet werden, trifft das nur auf 35% betroffene Kinder in Deutschland zu. Nach Abschluss der Sonderschule bleiben viele der Menschen in Werkstätten für behinderte Menschen isoliert, anstatt auf den freien Arbeitsmarkt zu wechseln (vgl. Antidiskriminierungsstelle 2013).

    Weiterhin benachteiligend ist und bleibt mangelnde Barrierefreiheit an öffentlichen Plätzen. Oft ist für Menschen die Bevormundung durch andere ein großes Problem. Benedikt von Ulm-Erbach versucht zu sehen, „was er kann und nicht, was er nicht kann“. Man habe sehr viele Möglichkeiten, trotz Behinderung (Ulm-Erbach, Langenau 2015). Zum Thema Inklusion sagt Journalist Ronny Blaschke: „Erst wenn niemand mehr nach Inklusion fragt, herrscht tatsächlich Inklusion. Solange das nicht der Fall ist, müssen wir immer und immer wieder danach fragen“ (Ronny Blaschke 2013). Die Bertelsmann Stiftung setzt sich mit verschiedenen Projekten für eine gelungene Inklusion ein. Aktion Mensch unterstützt mit ihrem Förderschwerpunkt Inklusion verschiedene Projekte, die das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung fördern.

    Allgemeiner Behindertenverband in Deutschland e.V.

    Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V.

Nicht von Rassismus und Diskriminierung betroffen

Es ist zielführend, noch einige Worte darüber zu verlieren, wer nicht von Rassismus und Diskriminierung betroffen ist. Grund ist, dass es immer wieder Debatten gibt, in denen ein expliziter Diskriminierungsschutz für Christen, Deutsche etc. in Deutschland eingefordert wird. Also: Warum geht es nicht um die Diskriminierung von weißen, deutschen, christlichen Männern mittleren Alters?

Sie sind nicht betroffen, weil sie zur Norm gerechnet werden und als Teil der mit unverrückbaren Rechten ausgestatteten Mehrheitsbevölkerung in Deutschland wahrgenommen werden. Der gesellschaftliche Kontext lautet hier nicht Benachteiligung, sondern legt Privilegierung nahe. Betrachtet man detailliert verschiedene Formen rassistischer Diskriminierung (wie individuelle, institutionelle, diskursive und strukturelle), wird schnell deutlich, dass es höchstens auf der individuellen, zwischenmenschlichen Ebene zu einer Diskriminierung von Mitgliedern der oben genannten Gruppe kommen könnte. Allerdings wird Diskriminierung als „komplexes System sozialer Verhältnisse und Beziehungen“ (Scherr et al 2016) verstanden, was bedeutet, dass sie nicht von diesem Komplex unabhängig wirksam wird und also nicht alleine in individuellen Verhaltensweisen sichtbar werden kann. Das heißt: Diskursive, institutionelle, strukturelle und auch individuelle Diskriminierung gegen weiße, deutsche, christliche Männer fanden in Deutschland weder historisch noch finden sie gegenwärtig statt. Eine Benachteiligung dieser Gruppe wird auch heute weder auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt noch in Schulbüchern, Zeitungsartikeln, Straßennamen etc. sichtbar.


3. Welche Formen rassistischer Diskriminierung gibt es?

Mit der folgenden Übersicht werden verschiedenen Formen rassistischer Diskriminierung aufgelistet, beschrieben und durch Beispiele veranschaulicht. Sie dient als Grundlage für die Schulungen. Mit ihr steht ein Analyse- und Einordnungsraster zur Verfügung.


  • Internalisiert

    +

    Der Internalisierter Rassismus, der auf der Einstellungsebene angesiedelt ist und selbst keine Verhaltensweise darstellt, bildet häufig die Grundlage der rassistischen Diskriminierung. Internalisierter Rassismus prägt den Selbstwert von Menschen. Er kann den Selbstwert von positiv kategorisierten Mitgliedern der Gesellschaft prägen: Die Person fühlt sich dann als (gegenüber anderen) berechtigt privilegiert (internalisierte Privilegien). Er kann zudem den Selbstwert von negativ kategorisierten Mitglieder der Gesellschaft prägen: Die Person übernimmt die negativen Zuschreibungen und empfindet sich als minderwertig (internalisierte Unterdrückung).

    Anmerkung

    Internalisierter Rassismus ist auf der Einstellungsebene angesiedelt und lässt sich somit nicht unter der Auflistung der Formen rassistischer Diskriminierung, die handlungsbezogen sind, fassen. Der internalisierte Rassismus ist an dieser Stelle erwähnenswert, weil er ein zentrales ideologisches Fundament darstellt, das Verhaltensweisen beeinflusst oder erst ermöglicht.

  • Individuell

    +

    Individuelles, zwischenmenschliches Verhalten: Einzelne Personen behandeln einen Menschen oder eine Gruppe aufgrund bestimmter Zuschreibungen ungleich.

    Individuelle Diskriminierung fußt auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit. Ob das diskriminierende Verhalten bewusst wahrgenommen wird oder unbewusst „passiert“, kann von verschiedenen Faktoren abhängen (u.a. Wissen über das Recht, internalisiertem Rassismus, Reflexionsfähigkeit).

    Beispiele

    • beleidigende Äußerungen

    • ausschließendes Verhalten

    • Gewalttätigkeit

  • Institutionell

    +

    Institutionelles Verhalten: Organisationen, Verwaltungen, Unternehmen u.ä. behandeln einen Menschen oder eine Gruppe ungleich.

    Institutionelle Diskriminierung kann sowohl intendiert (gewollt) als auch nicht intendiert (z.B. auf unreflektierten Routinen beruhend) sein. Es kann auch eine bewusste Ungleichbehandlung geben, die nicht auf eigenem, individuellem Rassismus (beim Einzelnen, z.B. der Chefin, des Personals) fußt. So kann es scheinbar pragmatische Gründe geben, z.B. keine kopftuchtragenden Kellnerinnen einzustellen (z.B. Rücksicht auf Kundschaft, Konfliktvermeidung im Team) oder nur Personen mit klassischen deutschen Namen vorzuschlagen, wenn deutsche Vertreter ausgewählt werden sollen (z.B. vermeintliche Zeitersparnis gegenüber Prüfung ob deutscher Staatsbürger). Das Ergebnis bleibt aber gleich: rassistische Diskriminierung.

    Beispiele

    • Gymnasialempfehlungen an Kinder mit Migrationshintergrund

    • NSU-Ermittlungen (insb. Kriminalisierung der Opfer, Umgang mit den Angehörigen, fehlende Überprüfung eines rassistischen Tatmotivs)

    • Racial Profiling

  • Diskursiv

    +

    Ungeschriebene kommunikative Muster: Es gibt öffentliche, politische und mediale Sprechweisen, mit denen Menschen oder Gruppen bestimmte Merkmale zugeschrieben werden, die eine Ungleichbehandlung darstellen.

    Ob die Sprecherin eine überzeugte Rassistin ist, ist schwer feststellbar. Sie hat die Ideologie internalisiert oder folgt mindestens unbewusst den in der Gesellschaft gängigen rassistischen Diskurs-Regeln & -Routinen.

    Beispiele

    • Nennung von muslimischen Täternamen in der Berichterstattung

    • Herstellung von Zusammenhängen wie Kriminalität und ausländischer Familienbiographie in der Politik

  • Strukturell

    +

    Normativ geregelte („geschriebene“) Ungleichheit: Rechtsgrundlagen einer Gesellschaft bestimmen oder begünstigen Ungleichbehandlung.

    Begünstigung von Ungleichbehandlung: In jüngerer Zeit wird diskutiert, ob fehlende Maßnahmen zur gesellschaftlichen Inklusion bestimmter benachteiligter Gruppen bereits als diskriminierend zu werten sind.

    Beispiele

    • Differenz Menschen- und Bürgerrechte

    • fehlende Angebote / Affirmative Action für benachteiligte Gruppen (z.B. Einstellungsquoten für Personen, die von institutioneller rassistischer Diskriminierung betroffen sind)


4. Ursachen und Erklärungsansätze

Im Hinblick auf den Antisemitismus und den Holocaust bemerkte bereits Adorno: Die Ursachen und Gründe sind „in den Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern" (Adorno 1970, S. 90). Heute lenken Forscher*innen vermehrt den Blick auf den psychischen und sozialen Zustand von Rassisten und Diskriminierenden sowie auf die Entwicklung und Gegenwart rassistischer und diskursiver Muster und Strukturen. Ziel der Forschungsbemühungen ist es stets die Phänomene „Rassismus“ und „Diskriminierung“ besser zu verstehen.

So hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch in Deutschland eine robuste Rassismus- und Vorurteilsforschung herausgebildet (vgl. u.a. Benz, Zick, Mecheril, Melter, Gomolla). Vor dem Hintergrund von Bürgerrechtsbewegungen und Empowerment hat sich zudem die Critical Whiteness-Forschung herausgebildet (vgl. u.a. McIntosh, Mills, Sow).

In Reaktion auf die gesellschaftliche und rechtliche Gegenwart entwickelt sich jüngst zudem - und oftmals von der Vorurteils- und Rassismusforschung ausgehend - eine Diskriminierungsforschung (vgl. Scherr et al 2016). Bislang werden hierbei Erkenntnisse verschiedener Fachdisziplinen nebeneinander dargestellt. Analysiert wird eine komplexe Gemengenlage, in der die Folgen historischer und gegenwärtiger Diskriminierung mit rassistischen Differenzkonstruktionen und z.T. auch mit ethnischen Selbstzuschreibungen verschränkt sind. Umfangreiche interdisziplinäre Arbeiten stehen noch aus.

Rassismus und Diskriminierung fußen auf Ideologien der Ungleichwertigkeit. Für das Verständnis und die Bearbeitung dieser Phänomene darf der Blick auf die Entwicklung und Wirkung von Vorurteilen nicht fehlen (vgl. Allport).

Um die Ursachen von Rassismus bzw. von Diskriminierung zu erfassen, können Erklärungsansätze unterschiedlicher Forschungsansätze und Fachdisziplinen genutzt werden: Vorurteilsforschung, Rassismusforschung, Critical Whiteness Forschung, Radikalisierungsforschung, Populismusforschung, Forschungen zu religiösen und politischen Ideologien der Ungleichwertigkeit, Rechtsradikalismusforschung, Forschungen zu Aggression und Gewalt, Diversity-Forschung, Partizipationsforschung, etc. Prinzipiell kann unterschieden werden zwischen Ansätzen, die Ursachen auf gesellschaftlicher Ebene analysieren und solchen, die Ursachen auf der individuellen Ebene betrachten.

Je nach Fachdisziplin und Forschungsperspektive werden folgende Faktoren in den Vordergrund gerückt:

  • psychologische und psychosoziale Faktoren: insbesondere Bindungserfahrungen; Gewalterfahrung; kindliche und adoleszente Entwicklungsprobleme;

  • historische Faktoren: z.B. Kolonialismus, rassistische und/oder autoritäre (NS, Faschismus, Stalinismus etc.) Traditionen; Nationalverständnisse auf der Basis von „Blut“ und „Kultur“ statt als Wertegemeinschaft und Gesellschaft von Staatsbürgern

  • ökonomische Faktoren: etwa Arbeitsplatzverlust, Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt/Immigration; prekäre Beschäftigung; Auswirkungen der Banken- und Wirtschaftskrise;

  • sozialen Faktoren: z.B. Sozialisation in „homogener“ Gruppe/Homogenitätsdruck; kein/e Kontakt/Akzeptanz von Verschiedenheit; Status- und Prestigeverlust von Berufsgruppen; Sozialisationserfahrungen wie Erfahrungen des Abgehängtseins bei gleichzeitigen Priviligiertheitsannahmen; Autoritarismus;

  • diskursive Faktoren: implizite und explizite Verdächtigungen gegen bestimmte (konstruierte) Gruppen in öffentlichen Debatten, Medien, politische Debatten etc.

  • politische Faktoren: z.B. Angebot & Nachfrage an/nach Ideologien der Ungleichwertigkeit, entsprechender politischer Bewegungen und politischer Parteien; Defizite der Regierungsparteien und Defizite Umsetzung des Rechts.

Zudem können auch institutionelle Faktoren relevant sein: so Regelungen und Routinen in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären und bestimmte Muster, die in institutionellen Praktiken sichtbar werden.