Den Menschen im Blick – Ein Projekt an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Pädagogisch-didaktische Perspektiven. Gute Praxis: Was gibt es schon? Was ist hilfreich?

Trotz zum Teil sehr versierter und qualitativ hochwertiger Bildungsprogramme kann ein Mangel an zeitgemäßen Bildungsinhalten und –zugängen für den professionellen Umgang mit „Rassismus und Diskriminierung“ festgestellt werden.


Hergebrachte Ansätze und Bildungsprogramme als Orientierungsgrundlage

Zahlreiche Ansätze und Programme können jedoch als Gute Praxis und Orientierungsgrundlage für die Entwicklung gegenwartsbezogener Schulungen herangezogen werden: Die aktuelle gesellschaftliche Situation und gegenwärtige Problemlagen in Deutschland (Gesellschaft, Kultur, Geschichte) ebenso wie ihre Reflexion und mögliche Handlungsoptionen sollten allerdings (deutlicher) berücksichtigt werden. Ebenso ist – bei unserer Zielgruppe (Führungskräfte und Mitarbeitende zivilgesellschaftlicher und staatlicher Institutionen) - die berufliche Praxis des Individuums und das Wirken der Institution konkret anzusprechen. Hinzu kommt, dass auch die digitale Wende eine Überarbeitung und Weiterentwicklung der unten besprochenen Ansätze, Methoden und Programme nahelegt.

Im Rahmen unserer Darlegungen zum Pädagogischen Konzept haben wir die drei Bildungs-Dimensionen „Wissen/Kompetenzen“, „Reflexion/Sensibilisierung“ und „Anwendungsorientierung“ als Kernfelder unserer Schulungen identifiziert.

Die im Folgenden besprochenen Ansätze können den Dimensionen Reflexionsgrad und Anwendungsorientierung zugeordnet werden:

Für die berufliche Professionalisierung sind – neben der fachlichen Wissensvermittlung - Reflexion-Übungen und anwendungsorientierte Übungen bedeutsam. Die beiden letzteren Dimensionen konkurrieren bei den hergebrachten Ansätzen und Programmen häufig um Zeiteinheiten und methodische Zugänge. Meist gilt: Je dominanter der „Trainingscharakter“ der Fortbildung ist, desto weniger haben die Teilnehmenden (TN) die Möglichkeit, sich reflexiv mit der Thematik auseinanderzusetzen (Zeitkonkurrenz). Und gerade das Einüben vorgegebener Handlungsoptionen steht der offenen und individuellen Aneignung eines Themas entgegen (methodische Konkurrenz).

Reflexivität ist bedeutsam, um Zusammenhänge zu verstehen und ein Problembewusstsein, das in vielfältigen Situationen Orientierung ermöglicht und handlungsanleitend sein kann, entwickeln zu können. In konkreten Diskriminierungs-Situationen sind die Teilnehmenden (TN) aber oft damit überfordert, spontan adäquat zu handeln. Ein anwendungsorientiertes Training soll ein für entsprechende Situationen informiertes Handlungsrepertoire zur Verfügung stellen. Erfahrungsorientierte Methodiken können verschiedene und vielschichtige Lernzugänge schaffen.

In den Schulungen wird sich um eine angemessene Verknüpfung aller Dimensionen bemüht.


  • Argumentationstrainings

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    Die „Argumente gegen Rechts" („Stammtischparolen")-Trainings bieten konkrete Argumentationshilfen und üben das Reagieren in den entsprechenden Situationen ein. Es geht darum, das Setting von Gesprächen zu erkennen. So soll z.B. erkannt werden, ob es sich lohnt in eine Auseinandersetzung mit dem Agitator selbst zu gehen oder es eher um die Ansprache der umstehenden Zuhörenden geht; und, ob der Gesprächspartner zu einer Auseinandersetzung bereit ist, oder ob es ihm darum geht, zu provozieren und zu stören (vgl. Hufer).

    Wenn Rhetorik- und Argumentationstrainings stärker die Dialogfähigkeit einüben wollen, dann treten die persönlichen Argumentationsweisen und die Reflexion der eigenen Haltung in den Vordergrund (vgl. z.B. „Argumentationstrichter" von Klier: „weich zur Person – hart in der Sache"). Besonders reflexiv ist der Ansatz von „Politik wagen – ein Argumentationstraining" (Boeser-Schnebel), da er um eine starke Annäherung an das Gegenüber bemüht ist und eine konstruktive Auseinandersetzung anstelle eines Argumente-Schlagabtauschs vorschlägt. Bei der Konfrontation mit diskriminierenden und gewaltförmigen Parolen hat dieses Argumentationstraining jedoch deutliche Grenzen.

  • Sensibilisierungs-Programme

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    „Betzavta- Miteinander ", die Weiterentwicklung „Mehr als eine Demokratie" und der „Social-Justice" Ansatz reflektieren unter Einsatz unterschiedlicher Moderationsmethoden mit den TN gesellschaftliche Fragestellungen. Sie beinhalten Elemente zur Persönlichkeits-Entwicklung. Im Fokus steht die individuelle, insbesondere auch die eigene Haltung zu Fragen von Demokratie und Menschenrechten. Sie wird erfahrungsorientiert erarbeitet. Beide Programme" bieten einen hohen Reflexionsgrad. Bei „Betzavta" beispielsweise werden die Teilnehmenden durch Übungs-Settings mit der Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch und dem eigenen Handeln konfrontiert. Meist steht dabei der Mensch als Individuum im Mittelpunkt – und weniger gesellschaftliche Verhältnisse und Beziehungen, die Diskriminierungen bedingen. Beim Programm „Social-Justice" ist zwar der Fokus auf gesellschaftliche Strukturen verstärkt, die Umsetzung von Gelerntem bleibt hier aber auch theoretisch.

    „Achtung (+) Toleranz" und „Interkulturelle Verständigung"s-Trainings bieten erfahrungsorientierten Übungen, vermitteln Wissen und liefern Erkenntnishilfen durch praxisnahe Modelle. Achtung (+) Toleranz bieten einen Abschnitt mit anwendungsorientierter Methodik (Planspiel, Rollenspiel). Rollenspiele werden als „Zivilcouragetraining" eingesetzt.

    Bei allen Programmen, die hier als „Sensibilisierungs-Programme" zusammengefasst sind, sind Einheiten vorgesehen, in denen sich die Teilnehmenden über die Umsetzung des Gelernten Gedanken machen können. So entstandene – meist eher globale – Veränderungen des Alltags sind zweifellos bedeutsam, aber selten konkret und spontan abrufbar.

  • Anti-Diskriminierungs-Programme

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    „Anti-Bias" und „Eine Welt der Vielfalt" sind Bildungsansätze, die sensibilisieren und gleichwohl kognitives wie soziales Wissen vermitteln. Es geht um Bewusstwerdungsprozesse über die eigenen Vorurteile. Vorurteilsfrei zu sein wird als Postulat verstanden, das angestrebt, aber nie vollständig erreicht werden kann. Es geht daher um eine kritische Reflexion eigener Werte und Einstellungen. Der Anti-Bias-Ansatz zielt auf den Abbau von Diskriminierung, einer möglichen Folge von Vorurteilen. Der Anti-Bias-Ansatz verfolgt verschiedene Ziele, u.a. die Schaffung eines positiven Selbstbildes, die Entwicklung einer Ich- und einer Gruppenidentität, die Förderung des kritischen Denkens, Anregungen zu Reflexionsprozessen sowie die Entwicklung von Kompetenzen, die befähigen, gegen Diskriminierung zu agieren.

    Die Ansätze beinhalten einen expliziten Umsetzungsauftrag. Dafür werden konkrete Vorhaben für die Zukunft erarbeitet. Daher wird diesen Ansätzen eine hohe Anwendungsorientierung bescheinigt.

  • Zivilcourage-Trainings

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    Einen hohen Praxisbezug bieten theaterpädagogische Ansätze. Sie als eigenen Ansatz zu beschreiben ist insofern problematisch, als andere Programme / Ansätze ebenfalls einzelne Übungen einsetzen, die mit diesen Methoden arbeiten.

    Zivilcourage-Trainings nutzen Rollenspiele meist schwerpunktmäßig. Nicht selten ist eine Gefährdungs-Beurteilung ein wichtiger Lerninhalt. Die Methode wird häufig bei Polizei und Vereinen eingesetzt. Seminare der politischen Bildung beziehen sich zumeist auf die emanzipatorische Ausrichtung, für die das „Theater der Unterdrückten" von Augusto Boal steht.
    Der reflexive Anteil wird bestimmt durch den Raum, der für einen Austausch über die Bedeutung des Erlebten eingeplant wird.

  • Phoenix e.V.

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    Das Ziel von phoenix e.V. ist, Rassismus durch eine gemeinsame Sprache der Verständigung zu überwinden. Die Methoden sind erfahrungsorientiert und arbeiten stark biographisch. Insofern wirken sie zunächst reflexiv und persönlichkeitswirksam. Der Verein bietet Aufbauschulungen an und schafft damit regionale Netzwerke. Durch das Leitziel und diesen Ausblick besteht wiederum eine hohe Anwendungsorientierung, die jedoch ein sehr hohes Zeitbudget erfordert.

    Auch als Organisationsentwicklungs-Ansatz wird das Konzept erfolgreich eingesetzt.

    Der Ansatz von phoenix e.V. durchbricht die Logiken der vorgenannten Ansätze auf mehrfache Weise. Es werden getrennt Schulungen für „Weiße" und „People of Colour" angeboten. Was auf den ersten Blick trennend aussieht, wirkt jedoch im Sinne einer „Philosophie der Verständigung". Der Ansatz wurde von Menschen entwickelt, die selbst von Diskriminierungen betroffen sind.


Ergänzende Überlegungen und Fragestellungen

  • Bei der Entwicklung und Durchführung der Fortbildungen sollen systematisch die Lebenswirklichkeiten von People of Colour ebenso wie Diskriminierungserfahrungen einbezogen werden. Dafür kann u.a. filmisches Material, Interviews und neue Medien (auch Angebote wie z.B. Datteltäter) genutzt werden.

  • Eine besondere Herausforderung stellt die Frage: Wie können u.U. vorhandene Rassismuserfahrungen innerhalb der Institutionen (z.B. Polizei, Wohlfahrtsverband, Kirche) in gemeinsamen Trainings angesprochen werden, ohne diese Zielgruppe als „Betroffene", „Experten für Rassismus“ oder als „Nestbeschmutzer“ darzustellen? Wie kann dennoch ihre Perspektive in eine rassismus- und diskriminierungskritische Analyse und ggf. Veränderung der eigenen Institution einfließen? Wie können ggf. Empowerment-Angebote bereitgestellt und kommuniziert werden?

  • Ansätze und Programme mit einem höheren Anteil an reflexiven Methoden bieten die Möglichkeit eine Perspektive „kritischen Weißseins (CW)“ zu vermitteln. In Fortbildungen, in denen schnelles Reagieren eingeübt werden soll, ist dies allerdings schwer umzusetzen: (Weiße) Menschen, die zum ersten Mal mit den Inhalten von CW konfrontiert werden, reagieren häufig mit Abwehr. Pädagogisch angemessen wäre es, den Lernenden die Möglichkeit einer individuellen-reflexiven Aneignung des Themas zu geben.

  • Die spezifischen Anforderungen von Fortbildungen für berufliche Professionalität und ein offener, (selbst-)reflexiver Bildungsansatz können im Widerspruch stehen: Wie werden die Schulungen dem Spannungsfeld zwischen an Normen orientiertem Arbeitsauftrag und den Ansprüchen Politischer Bildung gerecht?

  • Wie kann die schwierige Balance von selbstbestimmtem Lernen und Entwicklung eines positiven Veränderungswissens gelingen?

  • Programme bzw. Übungen, die dem „Überwältigungsverbot“ widersprechen, wie „Blue eyes / Brown eyes“, sind nicht angemessen für pädagogisch-didaktische Zwecke.