Den Menschen im Blick – Ein Projekt an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Pädagogisches Konzept


1. DEN MENSCHEN IM BLICK. Bildungs-Perspektiven in der pluralen Demokratie

Ziel ist es, mit dem pädagogischen Konzept sowohl vielfältige Bildungs-Perspektiven zu eröffnen als auch normative Arbeitsaufträge zu bestimmen.

  • Der Mensch steht im Mittelpunkt unseres Bildungskonzepts

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    Den Menschen im Blick zu haben fordert dazu auf, den Einzelnen zu sehen und auf Augenhöhe und wertschätzend zu behandeln. Das bedeutet auch, die Rechte jedes einzelnen Menschen anzuerkennen und ihn vor Diskriminierung zu schützen.

    Den Menschen in Bildungskontexten in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet, positive normative Perspektiven zu eröffnen & gleichzeitig ein breites Spektrum an inhaltlich-thematischen und pädagogisch-didaktischen Zugängen zu ermöglichen.

    Die zentrale Grundlage und der Orientierungspunkt der Schulungen sind die Menschenrechte. Damit kann nicht alleine auf einer individuellen Ebene verblieben werden, sondern es sind auch intrapersonelle Beziehungen und gesellschaftliche Verhältnisse Grundlage der Auseinandersetzung.

    Das Verständnis vom „Menschen im Blick" wird rechtlich gefasst, aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven beleuchtet und kann zudem religiös, philosophisch, auch humanistisch begründet werden. Es ist ein Urzug zahlreicher sozialer Regelwerke, den Menschen und seine Würde zu schützen.

    „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich", heißt es im Grundgesetzt (Art. 3,3). Und: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen und politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" (GG, Art 3,3).

    Viele ähnliche Zitate und Beispiele könnten herangezogen werden. Erich Fromm, Soziologe, Psychoanalytiker, Mitbegründer von Amnesty International und in einem religiösen Umfeld aufgewachsen, bestimmt den Menschen - schlicht aber folgenreich - als eine definierbare und nachweisbare Größe. Er sei ein soziales Wesen und im psychologischen, anatomischen, geistigen und psychologischen Sinne gleich.

    Es ist nicht überraschend, dass das Konzept „Mensch" gleichzeitig die Gegenfolie zu rassistischen und menschenverachtenden Ideologien und Gesellschaftsbildern ist. Die neonazistische Partei NPD etwa schreibt in ihrem Wahlprogramm: „Den Menschen gibt es nicht." Stattdessen gebe es Völker und Nationen, die nichts gemein hätten.

    Infolge von Unrechtserfahrungen und Konflikten und aufgrund von Kämpfen für gleiche Rechte und Freiheit gelten die Menschenrechte heute als selbstverständliche Grundlage moderner, demokratischer Gesellschaften.


2. Normative Grundlagen

Im Sinne von Gleichbehandlung und Diskriminierungsschutz gibt es für die Bundesrepublik Deutschland verbindliche rechtliche Grundlagen. Besonders einschlägige sind hier aufgelistet.

  • Grundgesetz

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    Im Grundgesetz, das in bewusster Abgrenzung zum Nationalsozialismus entstanden ist, wird den Menschenrechten und dem Diskriminierungsschutz ein hoher Stellenwert eingeräumt.

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar", so Artikel 1 des Grundgesetzes. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Der grundlegende rechtliche Rahmen zum Diskriminierungsschutz ist im Verfassungsgrundsatz der „Gleichstellung“ oder „Gleichbehandlung“ dargelegt: Art. 3 GG umfasst alle Menschen, unabhängig von ihrer Nationalität.

    (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

    (2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

    (3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

    Anmerkung: In der Regel wirken die Grundrechte zwischen Bürger und Staat. Von einer Drittwirkung spricht man bei Grundrechten, wenn sie ihre Schutzwirkung nicht nur im Verhältnis zwischen Bürger und Staat, sondern auch im Verhältnis zwischen Bürger und Bürger entfalten. Als Gesamtheit von Grundrechten, das ein System von Werten zur Verfügung stellt, kann das Grundgesetz auch auf das Strafrecht und Zivilrecht wirken – und damit über den Staat hinaus auch Dritte binden („mittelbare Drittwirkung").

  • Strafgesetzbuch

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    Schutz vor diskriminierenden Äußerungen wird insbesondere durch die im Strafgesetzbuch genannten Straftatbestände der Volksverhetzung (§ 130 StGB), der Beleidigung (§185), der üblen Nachrede (§186), der Bedrohung (§241) und der Nötigung (§240) gewährleistet.

    Darüber hinaus können verfassungsfeindliche Organisationen (§85), die Verbreitung von Propagandamitteln (§86) und das Verwenden von Kennzeichen verbotener Organisationen (§86a) verboten werden, ebenso politische Aktivitäten, die als „Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates“ gemäß §84ff. StGB gelten.

    Unter Strafe stehen zudem die öffentliche Aufforderung zu Straftaten (§111) und u.U. „Gewaltverherrlichung" (§131).

    Im Jahr 2015 wurde im Strafgesetzbuch klargestellt, dass rassistische, fremdenfeindliche oder sonstige menschenverachtende Beweggründe bei der Strafzumessung strafverschärfend einzubeziehen sind (§ 46 Absatz 2 Strafgesetzbuch).

  • Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

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    Bereits im Jahr 1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von der Generalversammlung der Vereinten Nationen genehmigt und verkündet. Hierin werden allen Menschen umfassende Rechte und Schutz vor Diskriminierung zugesprochen. Es heißt eingangs: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren (...)" (Art. 1) und „jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied (...)" (Art. 2,1).

  • Übereinkommen zur Beendigung jeder Form der Rassendiskriminierung (ICERD)

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    Im Jahr 1969 ist das Internationale Übereinkommen zur Beendigung jeder Form der Rassendiskriminierung (International Convention on the Elimination of Racial Discrimination ICERD) in Kraft getreten. Es ist in Deutschland kodifiziert, ratifiziert und gilt verbindlich. Damit verpflichtet sich Deutschland insbesondere, jegliche rassistische Diskriminierung zu beseitigen, Gleichheit vor dem Gesetz zu garantieren und Menschen vor rassistischer Diskriminierung zu schützen.

  • Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)

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    Das Diskriminierungsverbot stellt ein grundlegendes Menschenrechtsprinzip dar und gilt als OSZE-Kernelement. In ihrer „Strategie gegen Bedrohungen der Sicherheit und Stabilität im einundzwanzigsten Jahrhundert“ betont die OSZE, dass Diskriminierung und Intoleranz sowohl die Sicherheit von Individuen gefährden als auch für das Entstehen von breiteren Konflikten und Gewalt verantwortlich sein können, denn Diskriminierung, Intoleranz und Hasskriminalität verursachen „ethnische, politische und soziale Spannungen innerhalb eines Staates und zwischen Staaten“ (ausführlich hierzu vgl. DIMR/OSCE 2016).

  • Zuwanderungsgesetz

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    Das 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz steuert Zuwanderung und spiegelt Deutschlands Selbstwahrnehmung als Einwanderungsland wider (vgl. Details in der Übersicht).

  • Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)

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    Seit 2006 garantiert zudem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Deutschland einfachgesetzlich den rechtlichen Schutz vor Diskriminierung im Bereich von Beschäftigung und Beruf sowie im allgemeinen Zivilrechtsverkehr. Das AGG setzt vier EU-Richtlinien zum Diskriminierungsschutz um. Damit gilt der Gleichbehandlungsauftrag des Grundgesetzes (Staat gegenüber Bürgern) auch für das Verhältnis der Bürger untereinander.

    Beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde eine Antidiskriminierungsstelle (ADS) eingerichtet, ebenso in einigen Bundesländern Landesantidiskriminierungsstellen. Sie haben ein Aufklärungs-und Beratungsmandat, jedoch keine Ermittlungs- und Klagebefugnisse. Der Rechtsschutz wird durch die Gerichte gewährleistet.

     


3. Kompetenzfelder, Bildungsinhalte und -dimensionen

Ausgehend von der Problembeschreibung, der Bedarfsanalyse und normativen Überlegungen eröffnen wir vier Kompetenz-Felder und ihre konkreten Bildungsinhalte, die grundlegend und anleitend für zeitgemäße Bildungsmodule sind.

Sensibilisierung & Soziale Kompetenzen
  • Sensibilisierung für Problemfelder „Rassismus & Diskriminierung (R & D)"
  • Selbstreflexion
  • Wertschätzender Umgang
  • Empathiefähigkeit
  • Ambiguitätstoleranz
  • Positiver Veränderungswille
  • ...
Soziales und kognitives Wissen
  • Menschenrechte
  • Demokratie
  • Partizipation: Teilhabe und Teilnahme – Partizipation: Berechtigung zu Protest
  • Diversity
  • reflektierte Interkulturelle Kompetenz
  • Intersektionalität
Kognitives Wissen: Rechtliche Grundlagen
  • Menschen- und Bürgerrechte, u.a. Grundgesetz, Allgm. Erklärung der MR
  • Diskriminierungsschutz, u.a. Grundgesetz, AGG, StGB §46.2
  • explizit gegen rassistische Diskriminierung gerichtet, u.a. ICERD
Aktuelle Probleme
  • Rechtspopulismus
  • rassistische Gewalt
  • Angriffe auf Menschen & MR
  • Wahrnehmung und Bearbeitungsschwierigkeiten „R & D“: Beispiel NSU-Komplex
  • institutionelle Formen rassistischer Diskriminierung
  • Flüchtlingsthematik

Im Folgenden werden die Schwerpunkte der Schulungen zur Qualifizierung und Professionalisierung des Personals benannt. Sie können nicht als bloße Abfolge von Bildungsschritten verstanden werden, da sie immer wieder ineinandergreifen:

Um kritisches Problembewusstsein zu entwickeln, rassistische und diskriminierende Praxen zu erkennen und darauf reagieren zu können, werden folgende drei Dimensionen berücksichtigt:

  • Wissen und Kompetenzen aus den oben im Quadrat benannten Bereichen vermittelt. Lernsettings zur Wissensvermittlung sollten so angelegt sein, dass die Teilnehmenden Verknüpfungen zur eigenen Lebenswelt herstellen können und Erkenntnisse über Strukturen gewinnen. (fachliche Kompetenzen)

  • Fähigkeiten der Reflexion erlernt, für Perspektivenvielfalt sensibilisiert und kritisches Problembewusstsein vermittelt. Hierbei werden u.a. auch Mehrdeutigkeit, Komplexität, Dilemmata und Widersprüche besprochen. (Reflexion)

  • praktische Anwenden geübt. Es werden konkrete Vorschläge zum Umgang mit bestimmten Situationen – u.a. in Hinblick auf Konflikte und Dilemmata - in der beruflichen Praxis und im Alltag erarbeitet. Schließlich sollen professionelle Reaktions- und Handlungsfähigkeit ermöglicht werden. (Anwendungsorientierung)

Eine Diskussion und Darstellung der Dimensionen „Reflexion" und Anwendungsorientierung" in Bezug auf hergebrachte Ansätze und Programme finden sich in der Gute-Praxis-Sammlung.


4. Erwartbare Herausforderungen und Chancen

Die erwartbaren Herausforderungen und Chancen gilt es angemessen zu reflektieren, um erfolgreich arbeiten zu können.

Herausforderungen - Erwartbare Probleme im Gesamt-Projekt

  • (Um-)Lernen im Erwachsenenalter

  • Spezifische Lernkultur in der jeweiligen Organisation/ organisationaler Rahmen

  • Problematik von Konflikten zwischen institutionellen, praktischen und wissenschaftlichen Anforderungen

  • Vorab nötig ist:
    - eigene Grenzen der Einflussmöglichkeiten klären
    - ein theoretisch fundierter Umgang mit Dilemmata (Normen versus Praxiserfahrung)

Projekt kann nur durch Vermittlung und Verschränkung unterschiedlicher Perspektiven der Beteiligten erfolgreich sein.

Chancen - Nötige Reflexionsschritte

Warum bringt mir persönlich und der Institution die Schulung etwas?

Im Vorfeld zu besprechen

a) was die Praxisprobleme der jeweiligen Berufsgruppe und Organisation sind?

b) welche institutionellen Logiken es gibt, die möglicherweise zu unintendiertem Rassismus führen?

c) warum Diskriminierung entgegensteuern – was sind die Eigenmotiviationen?