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Framing - Deutung der Wirklichkeit. Wie sprechen wir miteinander?

SOMMER... Spüren Sie die warme Brise und die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut? Denken Sie dabei an Urlaub und Eis essen? Welche weiteren Stichworte verbinden Sie mit Sommer? Kommt in Ihrer Vorstellung der Strand vor? Oder schmeißen Sie eine vegane Grillparty? Wie detailreich sind Ihre Assoziationen?

Begriffe, die wir nutzen, sind in Frames (= Deutungsrahmen) gebettet. Wir nehmen unsere Umwelt in diesen Deutungsrahmen wahr. Das hat Vorteile, denn dadurch können wir uns in komplexen Situationen orientieren und können ungefähr erahnen, was auf uns zukommt und was von uns erwartet wird, wenn wir beispielsweise auf eine Grillparty eingeladen werden.

Die kognitive Linguistik zeigt in diesem Zusammenhang, dass Bezeichnungen von Dingen und ihre unmittelbar durch Sprache erzeugte Wirklichkeit nicht unabhängig voneinander sind, sondern interagieren. So werden durch bestimmte Begriffe Deutungsrahmen aufgerufen. Diese Deutungsrahmen verfestigen sich durch wiederholtes Abrufen. Damit kommt es zu scheinbar selbstverständlichen Denkketten – die nicht nur bestimmte Deutungen nahelegen, sondern auch andere Deutungen und Denkrichtungen verunmöglichen.

Die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak (2015) beschreibt diesen Framing-Prozess im gesellschaftlichen Kontext als Aushandlung gemeinschaftlich anerkannter Wahrheit. Wissen existiert in Zusammenhängen und ist in der menschlichen Kognition abgespeichert. Durch das Aufrufen von Frames kann es sichtbar gemacht werden.

Bedeutungen werden also stets durch unsere verbalen Interaktionen (re-)produziert. Damit sind nicht nur zwischenmenschliche Gespräche gemeint, stattdessen gerät der größere gesellschaftliche Kontext in den Blick. Denn bei der Aushandlung von gesellschaftlich anerkannten Deutungen spielen auch Zuschreibungen von Eigenschaften, Argumentationen über Ereignisse oder Themen - und dabei auch das Ungesagte - eine große Rolle. So bezeichnen Begriffe mehr als nur die Sache selbst. Sie konstruieren die Wirklichkeit und wetteifern um konsensuelle Deutungen.

Damit ist Sprache kein neutrales Transportmittel von Inhalten. Sprache beschreibt nicht nur Wirklichkeit, sie gestaltet auch Wirklichkeit, da sie direkt mit unserer Wahrnehmung verknüpft ist. So lässt sich sagen: Wirklichkeit wird sprachlich konstruiert (Langacker, 2008; Nduka-Agwu & Hornscheidt, 2013).

Beispiel 1: Plurale Demokratie

Die plurale Demokratie setzt die Würde des Menschen in den Fokus und verpflichtet sich mit ihren normativen Grundlagen diese Würde zu achten und zu schützen (Artikel 1, GG); sie verspricht allen Menschen Teilhabe und Partizipation. Die plurale Demokratie fragt nicht nach möglichen Unterschieden zwischen Menschen, sie geht von ihrer Gleichwertigkeit aus, denn „alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren" (Allg. Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1, 1948). Gleichzeitig schöpft die plurale Demokratie ihre Kraft aus der Partizipation der Einzelnen. Je mehr Menschen sich also am Aushandlungsprozess ihrer Interessen beteiligen, desto stärker und gefestigter ist die Demokratie und kann sich gegen menschenverachtende Tendenzen, wie völkische Homogenitätsideologien, zur Wehr setzen. Denn die Idee des „Volkskörpers" steht im Kontrast zur pluralen Demokratie und geht davon aus, dass alle Menschen in der Bevölkerung homogen in ihrem Denken, ihrem Fühlen, ihren Wünschen und Hoffnungen, in ihren Bezugspunkten, Herkünften und ihrer Religion seien. Der Volkskörper soll dementsprechend nur einen einzigen Willen haben, der durch eine einzige Führungspersönlichkeit umgesetzt werden muss. Es braucht in dieser Konstellation keine Interessenvertretungen, keine Gewerkschaften, keine Parteien.

Demgegenüber setzt der Frame der pluralen Demokratie das Teilhabeversprechen der mit Würde und Freiheit geborenen Menschen in den Fokus und fragt gezielt nach Faktoren, die dem Erfüllen des Versprechens im Weg stehen. Damit müssen Formen und Dimensionen der Diskriminierung problematisiert, die Zielrichtung ist: Benachteiligung zu überwinden.

Beispiel 2: Menschen mit „Migrationshintergrund“

Wenn Menschen, die überzeugt davon sind, dass deutsche Staatsbürger*innen unterschiedslos deutsche Staatsbürger*innen sind, plötzlich von einigen dieser Staatsbürger*innen als „Personen mit Migrationshintergrund“ sprechen, dann bringen sie einen Frame ins Spiel, der diese Menschen wegrückt von den deutschen Staatsbürger*innen. Mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ wird ein Rahmen gesetzt, der eine andere Wirklichkeit schafft: Denn, „Migration“ und „Migrant*innen“ steht im Kontrast zu Personen, die in Deutschland geboren sind und seitdem hier leben. „Migrationshintergrund“ ist eine Wortschöpfung, die den Nachfahren von Migrant*innen selbst einen Migrant*innen-Status zuschreibt. Denn die Wortschöpfung bezeichnet aktuell in Deutschland Menschen, die selbst migriert, also eingewandert sind, genauso wie solche, deren Mutter, Vater oder Großeltern einst einwanderten, die aber in Deutschland geboren sind, hier leben, deutsche Staatsbürger*innen sind. Damit wird mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ ein Frame gesetzt, der von der deutschen Gesellschaft und der Gemeinschaft der Deutschen abgrenzt und ausgegrenzt. Diese Abgrenzung hat auch eine soziale Komponente, durch die Menschen mit „Migrationshintergrund“ abgewertet werden: mit ihr erfolgt die Konstruktion von essentiellen Unterschieden zwischen den beiden Gruppen, die eine Annäherung fast verunmöglicht. Der Begriff des „Migrationshintergrunds“ mitsamt seinen gängigen Assoziationen passt nicht zum Frame der pluralen Demokratie.


Wenn wir Worte wählen und Bezeichnungen für Menschen, für unsere Gesellschaft, geht es also auch immer darum, wie wir Gesellschaft denken. Unsere Gesellschaft ist gemäß ihrer normativen Verankerung eine Gesellschaft der Vielen; eine Gesellschaft der Pluralität. Rassismus beruht auf völkischem Denken und widerspricht fundamental der pluralen Demokratie, die für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen einsteht. Rassismus und seine Verwobenheit mit anderen Diskriminierungsformen sind bereits Teil dieser breit geführten gesellschaftlichen Debatte um Zugehörigkeit und Ausschluss.

In der pluralen Demokratie gibt es das Recht auf Anerkennung und Teilhabe.

Menschen ermächtigen sich selbst und einander; sie finden eine Sprache der Gegenwehr und formieren sich zu einer Community der Solidarität. Das ist die Rahmung und Basis unserer Arbeit (Bestimmung des Phänomens, Stimmen Veröffentlichung: Training Antidiskriminierung).

Weiterführende Literatur

Wodak, Ruth. (2015). Politics of fear: What right-wing populist discourses mean. London: Sage.

Langacker, Ronald W. (2008): Cognitive Grammar. A basic introduction. New York: Oxford University Press.

Lakoff, George (2014): The all new "Don't think of an elephant". Know your values and frame the debate. Chelsea.

Nduka-Agwu, Adibeli & Hornscheidt, Antje (Hrsg.). (2013): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Sprache und Diskriminierung. Transdisziplinäre Genderstudien 1. Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel.

Das Projekt hat mich gerade auch für die vielen alltäglichen, oft nicht bewussten und unterschwelligen Diskriminierungen sensibilisiert – bei mir selbst und in unseren kirchlichen Einrichtungen. Mit den im Projekt entwickelten Übungen ist es möglich, diese an die Oberfläche zu bringen und in unterschiedlichen Kontexten zu thematisieren.

Dr. Claudia Pfrang, Stiftung Bildungszentrum im Kardinal-Döpfner-Haus, über das Projekt DEN MENSCHEN IM BLICK