Den Menschen im Blick – Ein Projekt an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Projekt „Den Menschen im Blick“

Kompetenzen gegen Rassismus und Diskriminierung in Beruf & Alltag

Zielsetzung

Die deutsche Gesellschaft wird immer vielfältiger und weltoffener. Dennoch: Abwertende Einstellungen gegenüber Menschen, etwa wegen ihrer Hautfarbe oder Religion, bilden immer wieder den Nährboden für menschenfeindliche Hetze und Gewalt.

Die Gefährdung von Seele, Leib und Leben Einzelner ist dabei nicht das einzige Problem. Für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sind auch eine menschenwürdige Teilhabe jedes Einzelnen und eine faire Arbeitswelt von zentraler Bedeutung. Das erkennen inzwischen nicht nur Einzelne - auch Organisationen und Institutionen stellen sich diesem Thema. Der Bedarf, Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu finden, Diskriminierung entgegenzutreten und fit zu werden für einen kompetenten Umgang mit menschenfeindlichen Orientierungen, wächst.

Dafür ist Bildung ein Schlüssel.

Wir engagieren uns für eine Kultur des Respekts, der Menschenrechte und der Teilhabe. Diese Kultur begreift Vielfalt als Chance für unsere Gesellschaft und macht das Leben für alle freier und sicherer.

Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen souverän und professionell arbeiten können und dass allen Menschen ein fairer und professioneller Umgang zuteil wird. Wir entwickeln auf der Grundlage international bewährter Praxis, interdisziplinärer Forschungsbefunde und spezifischer beruflicher Herausforderungen rassismuskritische und diskriminierungssensible Bildungsmodule.

Wir unterstützen staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen darin, den Blick auf den Menschen zu schulen, um allen - ob Personal oder Klientel - ihre Rechte zu gewährleisten und ein freies und sicheres Leben zu ermöglichen.

Hintergrund

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Diskriminierung Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz." Solche oder ähnliche Sätze beinhalten heute – nach der schmerzlichen Erfahrung von Gewaltherrschaft wie dem Nationalsozialismus, Vertreibung und Krieg – internationale Vereinbarungen und zahlreiche nationale Verfassungen. Jeder Mensch gilt jenseits von tatsächlichen oder vermeintlichen Zuschreibungen – ob diese nun nationaler, ethnischer, religiöser, sexueller, kultureller oder sonstiger Art sind – als gleichwertig.

Rassismus und andere Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hingegen untergraben die Zielsetzung internationaler Abkommen ebenso wie die Fundamente der liberalen Demokratie, sie stehen den Menschenrechten entgegen und gefährden den gesellschaftlichen Frieden. Sie richten sich gegen eine faire, friedliche und integrative Gesellschaft, aber auch gegen die Freiheit des Einzelnen eigene Lebensentwürfe zu verwirklichen. Zudem sind sie Ausdruck einer unzureichenden demokratischen Auseinandersetzung und einer mangelhaften Kultur demokratischer Partizipation.

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen sind nicht unerheblich: Alltagsrassismus, neu entbrannte rassistische Diskurse, wachsende globale Flüchtlingszahlen, das Aufkommen rechtsradikaler Bewegungen, ein global sichtbarer Terrorismus, verbreitete Vorurteile, die erhöhte Anzahl rassistischer Gewalttaten und Defizite in deren Bearbeitungsqualität.

Von Rassismus betroffen können deutsche Bürgerinnen, in Deutschland lebende Ausländer und Neu- oder vorübergehend Zugezogene sein: Ihnen können Vorurteile oder Feindseligkeiten aufgrund ihrer vermeintlich nicht-deutschen Herkunft entgegenschlagen. Abwertende Einstellungen bilden den aggressiven Ausgangspunkt menschenfeindlicher Agitation und auch handfester Gewalt. Angesichts des erheblichen Ausmaßes rassistischer und sonstiger menschenverachtender Straf- und Gewalttaten stellen sie in Deutschland aktuell ein Sicherheitsproblem dar.

Fokus

Warum ist Rassismus und Diskriminierung im Fokus?

Obwohl es internationale und nationale Regelwerke (u.a. ICERD, AGG), Forschungen und auch Bildungsbemühungen zum Thema gibt, bleibt „Rassismus" als eigenständiges Thema in Deutschland bisher unterthematisiert, so z.B. bei der politischen Strategieentwicklung, bei der Strafverfolgung und in Fortbildungsmaßnahmen. Das führt zu Bearbeitungsschwächen (vgl. Schellenberg 2014). Die Anti-Diskriminierungsperspektive ist relativ neu im deutschen Rechtsverständnis (vgl. Schellenberg / CAP Paper Recht & Umsetzung 2008; vgl. auch Cremer / Deutsches Institut für Menschenrechte 2017). Sie bietet die Chance gesellschaftliche Stabilität, Sicherheit und Frieden zu ermöglichen.

Gleichwohl ist die Gefährdungslage groß (Kompetenz-Bausteine: 1. Problemanalyse), so das Ausmaß rassistisch motivierter Delikte, einschließlich Gewalt, sowie digitaler und verbaler Angriffe. Doch auch das Problembewusstsein und der Wunsch, kompetent und professionell mit rassistischer Diskriminierung umzugehen, wächst (Kompetenz-Bausteine: 1. Problemanalyse, 2. Bedarfsanalyse / Befragung).

Das Projekt möchte dazu beitragen, diese Bedarfe aufzunehmen und bestehende Lücken zu füllen.

Den Menschen in den Blick nehmen: Diskriminierungsschutz als Chance und Mittel

Der Diskriminierungsbegriff ist für die Praxis in den Institutionen konkret fassbar und handlungsbezogen. Zudem hat er eine rechtliche Dimension. Es geht – anders als etwa bei Vorurteilen, die auf der Einstellungsebene liegen – um Ungleichheitsbehandlung, also um Verhalten, das in unserer Gesellschaft illegitim ist und auf das reagiert werden muss. Diskriminierungen unterliegt ein komplexes System sozialer Verhältnisse und Beziehungen, das ungerechte Folgen für den Einzelnen aufgrund von sozio-politischen Gruppenkonstruktionen und -zuschreibungen hat. Für das Verständnis und die Bearbeitung der Thematik darf der Blick auf die Entwicklung und Wirkung von Vorurteilen allerdings nicht fehlen.